Von:
Susanne Breit-Keßler

e-koerper.de

Es war eines der Wellness-Hotels, in die Mann und Frau heute gehen, um sich an Leib und Seele zu erquicken. Freundinnen hatten uns den Aufenthalt dort samt diversen Anwendungen geschenkt. Wir wanderten vom Hallenbad zu einem in nacht-blau gehaltenen, sakral anmutenden Raum mit Sternenhimmel und vier thronartigen Sesseln. Dort, so wurde uns von der Betreuerin bedeutet, würden wir beide unter meditativen Klängen herrlich duftende, dreifarbige Schlammpackungen auf unserem Körper verteilen dürfen – so lange, bis ein warmer tropischer Regen von oben alles wieder sanft abwüsche.

In unseren Ohren klang das wie zeitgenössische biblische Verheißung: Unbekümmerte Freuden der eigenen Kinderzeit verbunden mit neuesten Erkenntnissen der Aromatherapie und dem uralten religiösen Wissen, dass äußerliche Reinigung mit innerer Säuberung einhergeht. Voller Erwartung gingen wir weiter zum Kaiserbad, einen von großen Leuchtern erhellten Raum mit Messingbadewanne. Dort, erklärte eine freundliche Dame, bekämen wir je nach Wunsch wohlriechende Kräuter dem Wasser zugesetzt oder – wie es einst Cleopatra handhabte – frische Milch, die die Haut geschmeidig macht. Weil Entspannung ermüdet, stand neben der Wanne ein Himmelbett für zwei – mit Heukissen für die Atmungswege und unromantischen, knochenharten Unterlagen zum Nutzen der Wirbelsäule.

Angesichts solcher Angebote fällt einem doch recht nachdrücklich ein Pauluswort ein. „Wisst ihr nicht“, grummelte er in einem Brief an die Korinther, „dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr euch nicht selbst gehört?“ Wohl wahr – allzu leicht gerät die Empfindsamkeit des eigenen Körpers und seine untrennbare Verbindung mit Gedanken, Worten und Taten in Vergessenheit. Sie kommen einem meist erst dann schmerzlich zu Bewusstsein, wenn die alltägliche, rücksichtslose Plackerei zu viel wird und der Körper unerbittlich eine Auszeit nimmt.

Hier also war die Gelegenheit, den Leib als Tempel des Geistes zu heiligen und ihn als das Geschenk zu ehren. Im Interesse einer ganzheitlichen Erholung und in Ehrerbietung vor dem Schöpfer patschten wir mit heilsamem Schlamm herum, ließen uns lauwarm berieseln, badeten die vorgesehenen zwanzig Minuten und schliefen eine Runde. Noch aber war längst nicht alles ausprobiert: Das Hotel offerierte eine Reihe weiterer Wellness-Möglichkeiten vom Salzstollen über den Aromaraum bis hin zur Blütengrotte. Fest entschlossen, sich im Dienste höherer Ziele nichts des Heilsamen entgehen zu lassen, eilten wir in die Blütengrotte. In ihr roch es heiß nach Nase und Lungen befreienden Düften.

Diesen Genuss mussten wir auf engstem Raum mit anderen Menschen teilen, was unseren Aufenthalt erheblich abkürzte. Der Leib ein Tempel des Heiligen Geistes... Der Jerusalemer Tempel hatte zu Salomons Zeiten einen Vorhof, eine Haupthalle und ein Allerheiligstes, das durch eine Zwischenwand, in späteren Zeiten durch einen Vorhang abgetrennt war. Um diese klassische Dreiteilung herum gab es in den letzten Jahrzehnten der Existenz des Tempels noch allerlei andere Höfe für bestimmte Menschen- und Volksgruppen, für Handel und Schlachtplatz. Wenn man dies auf den eigenen Körper überträgt, wäre erklärlich, warum es für sensible Menschen spürbare Grenzen zu anderen gibt.

Alles und jedes mit anderen teilen zu müssen, von Gedanken angefangen bis hin zum Körperlichen, ist ein wahres Gräuel. Es braucht Abstand, braucht Hoheitszonen, um sich gut zu fühlen. Nicht für die natürlich, die sich in allen Lebenslagen lustvoll exhibieren – am Strand, auf Straßen und Partys, in Talkshows und kamera-observierten Bunkern. Es ist schwer, sich vorzustellen, dass solches Menschsein noch ein unzerstörtes Allerheiligstes hat, noch Herrschaft bedeutet über Lebensbereiche, die ausschließlich einem selbst und Gott zugänglich sind, manchmal vielleicht noch dem geliebten Menschen. Wer jeden Quadratzentimeter seines äußeren und inneren Ichs veröffentlicht, gehört sich nicht mehr.

Der eigene Körper und alles, was er umgibt, ist ein Tempel des Heiligen Geistes – diese Überzeugung ist flammendes Plädoyer dafür, das Geheimnis der eigenen Persönlichkeit zu kultivieren und das anderer respektvoll zu wahren, statt es ihnen lüstern zu entreißen. Es ist ein Plädoyer für eine Leiblichkeit und Erotik, die statt pickelenthüllender Grossaufnahmen und publik gemachter Turnübungen noch unerhörtes Geflüster und diskrete Entdeckungsreisen kennt. Der eigene Körper ein Tempel des Geistes – das ist die Aufforderung, Leben zu entdämonisieren, aber ihm seinen Zauber zu lassen.